Warum verhalten sich Kinder oft daneben, wenn sie sich sicher fühlen?
Auf den ersten Blick mag das paradox klingen – schließlich sollte ein Kind, das sich wohl und sicher fühlt, ruhig und gelassen sein. Viele Eltern beobachten jedoch, dass ihr Kind nach der Heimkehr plötzlich anfängt zu schreien, zu weinen, zu quengeln oder zu rebellieren. Das ist kein Zeichen schlechter Erziehung, sondern vielmehr ein natürlicher emotionaler Prozess. Das Verständnis dieses Mechanismus hilft, eine sichere Bindung aufzubauen, in der Gefühle angstfrei ausgedrückt werden können.
Was bedeutet „schlechtes Benehmen“ für Erwachsene?
Viele Erwachsene betrachten „schlechtes Benehmen“ einfach als eine Form des emotionalen Abbaus. Ein Kind, das den ganzen Tag im Kindergarten brav war, findet endlich einen Ort, an dem es seine Anspannung abbauen kann. Tränen, Schreien oder Wut sind kein Zeichen schlechter Erziehung – sie sind ein Weg, die Emotionen nach einem anstrengenden Tag zu regulieren.
Warum baut ein Kind Stress in Ihrer Gegenwart ab?
Weil sie sich bei Ihnen sicher fühlen. In einer Beziehung, die auf einer sicheren Bindung basiert, muss ein Kind seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Im Kindergarten oder in der Schule versuchen sie, sich zusammenzureißen und Regeln und Erwartungen zu erfüllen. Zuhause können sie authentisch sein – auch wenn diese Authentizität laut, chaotisch und voller Widersprüche sein kann.
Was ist emotionaler Ausdruck?
Emotionaler Ausdruck ist ein natürlicher Prozess, bei dem ein Kind die im Laufe des Tages angestauten Spannungen abbaut. Dies kann sich durch Schreien, Weinen, Stimmungsschwankungen oder übermäßiges Kuscheln äußern. Es ist keine Manipulation oder der Wunsch nach Aufmerksamkeit – vielmehr ist es das Bedürfnis, mit all seinen Gefühlen gesehen und akzeptiert zu werden.
Wie kann man ein Kind bei schwierigen Gefühlen unterstützen?
Anstatt zu versuchen, sie sofort zum Schweigen zu bringen, ist es wichtig, dem Kind zu helfen, schwierige Gefühle zu verarbeiten. In diesem Moment braucht es keine Predigt oder Moralisierung, sondern Nähe und Einfühlungsvermögen.
Hilfreich kann Folgendes sein:
- einen ruhigen und freundlichen Tonfall beibehalten,
- eine Umarmung oder körperliche Nähe anbieten (wenn das Kind dies wünscht),
- kurze Sätze verwenden, die die Gefühle anerkennen: „Ich sehe, du bist wütend“, „Es war ein schwieriger Tag.“
Dieser Ansatz stärkt die emotionale Entwicklung und vermittelt dem Kind, dass es Gefühle ohne Scham oder Bestrafung erleben darf.
Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass ein Kind seine Gefühle ausleben muss?
Manchmal ist es kein einzelnes Ereignis, sondern eine Kombination kleinerer Spannungen. Müdigkeit, Überreizung oder schwierige Beziehungen zu Gleichaltrigen können dazu führen, dass ein Kind zu Hause impulsiv reagiert. Achten Sie auf Momente, in denen ein Kind:
- leicht weint oder wütend wird,
- auf Kleinigkeiten stark reagiert,
- sich zurückzieht oder „abschottet“.
Das ist kein Zeichen von Überreaktion – es signalisiert, dass sein Nervensystem Ruhe und Nähe braucht.
Wie reagiert man, wenn Grenzen überschritten werden?
Emotionale Sicherheit bedeutet nicht, dass es keine Grenzen gibt. Ein Kind darf wütend sein, sollte aber andere nicht verletzen. Deshalb ist es wichtig, klar und ruhig zu kommunizieren: „Ich sehe, dass du wütend bist, aber du musst nicht schlagen.“ Auf diese Weise lehren Sie sie, ihre Emotionen zu regulieren, anstatt sie zu unterdrücken.
Ein Erwachsener, der in einem Wutanfall eines Kindes ruhig bleibt, lebt Selbstregulation vor – eine der wertvollsten Fähigkeiten für die emotionale Entwicklung eines Kindes.
Was gewinnt ein Kind, wenn es sich in einer sicheren Beziehung „schlecht benehmen“ darf?
Auch wenn es paradox klingt: Solche Situationen zeugen von Vertrauen. Das Kind zeigt, dass es weiß, dass es auch in schwierigen Zeiten nicht zurückgewiesen wird. Dieses Vertrauen stärkt die Bindung, lehrt Authentizität und entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl.
Im Erwachsenenalter können solche Kinder über Gefühle sprechen, schämen sich nicht für Schwäche und haben keine Angst vor Nähe – denn sie wissen von klein auf, dass Liebe nicht verschwindet, wenn Wut aufkommt.
Zusammenfassung
Das „schlechte Benehmen“ eines Kindes ist oft einfach ein Ausdruck von Gefühlen in einer Beziehung, in der es sich sicher und geborgen fühlt. Ihre geduldige Präsenz und Ruhe vermitteln ihm, dass Gefühle keine Bedrohung, sondern ein natürlicher Teil des Lebens sind. Gerade in Momenten des Chaos erfährt ein Kind, was eine sichere Bindung bedeutet – und dies wird zur Grundlage seiner zukünftigen emotionalen Widerstandsfähigkeit.
Dave Becker
